GRUSSWORT Dr. Ulrich Clever

Präsident der Landesärztekammer Baden‐Württemberg

Sehr verehrte Frau Kollegin, sehr geehrter Herr Kollege,

das Gute liegt so nah: Das gilt auch für vorbildlich organisierte Fortbildungsveranstaltungen direkt vor unserer Tür! Für ärztliche und psychologische Psychotherapeuten, für Ärzte anderer Fachrichtungen und „befreundete“ Gesundheitsberufe in der gemeinsamen Arbeit an Patient und Patientin werden hochinteressante Vorträge und Panels von und mit Leuten geboten, die man oder frau schon immer mal gesehen bzw. gehört haben wollte: Es spielt sich ab vor unserer Haus‐ oder Praxistür, wir sollten nur hingehen!

Und wer in der Vergangenheit nichts von der Existenz der schon fast 30 Jahre alten Stuttgarter Psychotherapie-Tage gehört hatte, der oder die sollte dann doch jetzt bei der größer und breiter gewordenen Veranstaltung, den daraus erwachsenen Süddeutschen Psychotherapie-Tagen, mit dabei sein: in der ersten Novemberwoche, Herbstferienzeit, in Stuttgart! Und die Landeshauptstadt Baden‐Württembergs hat sich „gemausert“, steht den Uni‐Städten im Ländle nicht mehr nach, ist – sei es nun der Klimawandel oder hat es andere Gründe – eine mediterran anmutende Stadt geworden, wo man sogar im November – manchmal – noch draußen sitzen kann …

Die Geschichte rund um Trauma und Resilienz – das Grundthema der Süddeutschen Psychotherapie-Tage – ist es wert, erzählt zu werden. Manch einer weiß von den sogenannten „Kriegszitterern“ des Ersten Weltkriegs, die – ob sie nun wollten oder nicht – ein zweites Mal an die mörderische Front und zum grausamen Töten Mann gegen Mann an der Westfront zurückgezwungen wurden. Keiner verstand sie, auch „wir Ärzte“ nicht (mit wenigen Ausnahmen); auch nach dem Ende des 1. Weltkrieges blieben sie sich selbst überlassen, vereinsamten, waren oft weiterhin in Institutionen der Weimarer Republik die unbeachteten und unverstandenen Insassen der Psychiatrien und Behinderteneinrichtungen. Auch der 2. Weltkrieg brachte das Thema so schrecklich mit sich, wie keiner sich das vorher vorstellen konnte. Und das Verstummen der „Kriegsgeneration“ vor allem unserer Väter, aber auch unserer Mütter, konnten wir auch lange nicht verstehen, das Aufbegehren gegen die Sprachlosigkeit der durch Trauma und eigene Taten verstörten Eltern hatte immense gesellschaftliche Folgen. Der Konnex von gesellschaftlichem Stillstand und dem daraus entstehenden Aufbruch in ein freier empfundenes Zusammenleben gehört zum Narrativ dieser Geschichte von Trauma und Resilienz. Der nächste Krieg, der uns – dieses Mal durch die neu erwerbbaren Fernsehapparate in unsere Wohnzimmer getragen – hierzulande Gott sei dank nur in Wort und Bildern gezeigt wurde, war der Vietnamkrieg, er prägte eine ganze Generation von Babyboomern. In den USA wurde damals mit der Rückkehr der Vietnam-Veteranen das Trauma erstmals breiter öffentlich thematisiert – eine gesellschaftlich breitere Kenntnis davon brachte in Deutschland dann der „Krieg am Hindukusch“.

Unsere Aufgabe als therapeutisch Tätige kann doch nur sein, den Ausgleich der Interessen anders als in mörderischen Schlachten von Weltkriegen, als in Schuldzuweisungen auf Ethnien oder vermeintliche Feindesgruppen besser zu verstehen und besser zu organisieren. Dass wir das noch deutlich besser „organisieren“ müssen als das die westlichen Länder in den Nachkriegsgesellschaften getan haben (und was immerhin doch für 70 Jahre – mehr oder weniger – friedvolles Zusammenleben in den meisten Teilen Europas gereicht hat), scheint nicht mehr auszureichen: Es ist an der Zeit, sich Gedanken zu machen, wie gesellschaftlich Frieden beim Einzelnen, bei der Gesellschaft als Ganzes hergestellt, gehalten und organisiert werden kann. Wer hat da nicht besser das Ohr beim Menschen als die therapeutisch Tätigen – Sie!

Kommen Sie, hören und überlegen Sie mit, diskutieren Sie mit bei den Süddeutschen Psychotherapie-Tagen in Stuttgart vom 2. bis 4. November 2018!

Dr. Ulrich Clever

Präsident der Landesärztekammer Baden‐Württemberg